Hotel Europa

Sie sind da, weil ihre Arbeit billig ist. Oder weil sie keine haben. In einer Pension wohnen Handwerker und Hartz-IV-Empfänger

BERLIN.
"Wegen Silvester", dröhnt Fritz und schubst Angie mit dem Ellenbogen noch einmal zum Bierholen von der Couch Richtung Getränketresen, damit der Abend nicht stecken bleibt in einer grundlosen Trockenheit. "Silvester", wiederholt Fritz, er hebt den Arm mit der leeren Bierflasche hoch wie zum Winken jetzt.
Vergangenes Jahr hatten Angie und Fritz also Silvester gefeiert bei Angies Mutter. Im Zug zurück klingelte das Handy und der Bekannte war dran, dem sie über Neujahr die Wohnung überlassen hatten und die zwei Hunde. Die Verbindung war schlecht, es rauschte in der Leitung, aber soviel hat Fritz doch verstanden: dass der Bekannte ihm zubrüllte, dass er die Hunde verkauft habe und Angie und Fritz bräuchten sich auch sonst nicht mehr blicken zu lassen, denn die Wohnung gehöre jetzt ihm.

Fritz ist ein erwachsener Mann, er trägt eine ungestüme Rockerfrisur und einen Schmetterling auf den Arm tätowiert, aber der Bekannte, sagt er, sei ein Schrank von einem Kerl gewesen: "Da hab' ich doch keine Chance."

Es lagen dann noch ein paar Wochen Obdachlosigkeit dazwischen. Aber so ist es schließlich gekommen, dass Angie und Fritz nun Gäste der Pension Büchler im Ostberliner Bezirk Lichtenberg sind, einem grauen, ziemlich heruntergekommenen Plattenbauriegel in der Paul-Gesche-Straße 9, ein paar Meter hinter dem Lidl-Discounter. Und wenn Fritz, wie jetzt, auf der Couch im Neonlicht der Eingangshalle sitzt und etwas über die 350 Männer und Frauen sagen soll, die zusammen mit ihm hier wohnen, erklärt er: "Die meisten sind besoffen." Er selbst ist es ja auch ein bisschen.

Man könnte also denken, die Pension Büchler sei eine Art Wohnheim für Trinkfreudige, so wie Angie und Fritz da hinter ihren vielen Flaschen Pils hängen, es stinkt nach kaltem Rauch und Hunde rennen bellend in der Halle umher. Aber das stimmt nur zu einem Teil. Vielmehr ist die Paul-Gesche-Straße 9 ein Haus, in dem die Verwerfungen des deutschen Arbeitslebens mittlerweile zusammenlaufen, wie an wohl keinen anderen Ort.

Die Pension Büchler ist kein schönes Hotel, der Aufzug ist kaputt, die Balkone rosten und neben der Rezeption wartet ein alter Kaffeeautomat auf Kundschaft. Aber auf sieben Etagen schlafen hier Berliner Arbeitslose Tür an Tür mit Bauarbeitern aus ganz Europa, deutsche Hartz-IV-Empfänger teilen sich kahle Flure mit Maurern aus Polen und Kranführern aus Portugal. Und vor allem anderen ist die Pension Büchler das Gewinn bringende Geschäftsmodell des Unternehmers Lutz Büchler.
Der Chef sitzt hinter der Glasscheibe der Rezeption. Lutz Büchler hat einen grauen Teint und trägt einen warmen Reißverschlusspullover zur Schicht. Hinten an der Wand läuft der Fernseher, neben der Tastatur des Computers steht ein abgepackter Heringssalat. Büchler ist einer, der am Risiko hängt. Man sieht ihm nicht an, dass er vor ein paar Jahren Millionär gewesen ist und es jetzt finanziell auch schon wieder ganz gut läuft. "Das mit dem Haus hier hätte schief gehen können", sagt Büchler und wippt in seinem Drehstuhl. "Es ging nicht schief." Von unten schiebt sich ein Lächeln ins Gesicht. Es ist das Lächeln eines Krokodils.

Büchler ist jetzt 55 Jahre alt. Vor der Wende war er Mathematiker an der Akademie der Wissenschaften der DDR, er hat nicht schlecht verdient für Ost-Verhältnisse. Nach der Wende war er so etwas wie ein Glücksritter. Zunächst gründete er eine Import-Export-Firma für Computer. Es funktionierte nicht schlecht: Der eiserne Vorhang war weg, die Leute kauften Computer wie verrückt. "Aber irgendwann war ein Sättigungsgrad erreicht", meint Büchler.

Er muss jetzt kurz unterbrechen, um sich um die Polin zu kümmern. Eine Unterhaltung mit ihm darf man sich sowieso nicht als ruhiges Gespräch vorstellen: Es herrscht ein ziemliches Geschiebe und Gelaufe in der Eingangshalle der Pension. Ständig tragen osteuropäische Männer Lidl-Tüten herein und heraus, hinten in der Ecke steht ein Rauchergrüppchen, bei Fritz auf der Couch fallen die Bierflaschen um. Dann kommt die Polin mit dem Rollkoffer, sie schimpft und schreit und droht mit einem Anwalt. Warum, wird nicht klar. Die Hunde bellen. So geht es die ganze Zeit: Von links nähern sich die Arbeitsheere der Globalisierung, rechts warten die Verlierer der sozialen Marktwirtschaft, dazwischen sitzt Büchler an seinem Empfangstresen und organisiert die Zimmervermietung.


Büchler verkaufte also Mitte der 90er Jahre die Computerfirma und suchte nach einer neuen Idee. Er sah sich um in Berlin und sah überall nur Baustellen. Es bahnte sich etwas an in seinem Kopf, und als er dann den Plattenbau in Lichtenberg gefunden hatte, dauerte es nicht mehr lange und die Pension Büchler hatte geöffnet.
Zehn Mark kostete die Nacht in einem Mehrbettzimmer mit Koch- und Waschgelegenheit auf dem Flur. Das war billiger als alle anderen Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt. Büchler brauchte keine Werbung zu machen, er lief einfach bei ein paar großen Baustellen vorbei und redete mit den Bauarbeitern. Es ging alles sehr schnell: Die polnischen Brigaden mieteten sich gleich wochenlang ein, die Tschechen genauso, die Portugiesen fuhren mit Bussen vor und brachten sogar einen eigenen Koch mit.

Und es kamen immer mehr Bauarbeiter, um das neue Berlin zu bauen: Engländer, Ungarn, Italiener. Büchler schloss die Verträge nun gleich mit dem Generalauftragnehmer der jeweiligen Baustelle. In Spandau mietete er 30 000 Quadratmeter auf einem ehemaligen Kasernengelände und noch ein Haus in der Innenstadt dazu, um erst einmal neue Schlafplätze zu sichern. Er konnte jetzt fast 2 000 Bauarbeiter unterbringen.
Büchler sitzt zusammengesunken neben seinem Heringssalat und denkt an früher. Und wie es von heute auf morgen vorbei war mit den guten Zeiten. Das Entsendegesetz war schuld. Das Gesetz, das die rot-grüne Bundesregierung im Dezember 1998 verschärfte, schrieb auch ausländischen Baufirmen einen Mindestlohn vor, der den deutschen Tarifen entsprach.

Büchler ist ziemlich sauer auf das Entsendegesetz. Es hat ihn fast ruiniert. Die Brigaden aus Osteuropa blieben weg, das Kasernengelände stand plötzlich leer und er steckte in einem Mietvertrag fest, der monatlich 80 000 Mark verschlang. 1,6 Millionen Euro habe er verloren, klagt Büchler.

Er ist kein Spinner, er ist diplomierter Naturwissenschaftler. Er guckt sich die Dinge an und ist in der Lage, sie nüchtern zu beurteilen. Und Büchler sieht, dass die Arbeitslosenquote unter den deutschen Bauarbeitern in den letzten Jahren nur gestiegen ist. Trotz des Entsendegesetzes. Weil die Bauunternehmer lieber gar nicht anfingen mit einem Projekt, wenn es nur zu deutschen Löhnen gehe, das hätten die Baufirmen ihm gesagt, meint Büchler.

Eben schlurfen wieder ein paar Polen in blauen Monteursanzügen durch die Eingangshalle. Es wohnen immer noch ausländische Handwerker bei Büchler - die Firmen finden weiterhin Wege, die billigen Arbeitskräfte aus Polen oder Portugal zu beschäftigen. Die polnische Truppe verzieht sich in die Sofaecke, die am weitesten entfernt steht von den lärmenden deutschen Trinkern. Die Polen sind Männer mit Schnauzbärten und staubigen Gesichtern. Sie erzählen, dass sie selbstständig sind.
Der Maurer Karol ist 700 Kilometer mit einem alten Opel Vectra aus den Masuren hierher gefahren. Zwölf Stunden arbeitet er jeden Tag auf einer Baustelle in Wedding. Abends trinkt er ein Bier mit seinen Kollegen, kocht sich mit Campinggeschirr ein Gulasch auf dem Flur und legt sich dann in sein Drei-Bett-Zimmer schlafen. Am Ende des Monats hat Karol ungefähr 1 500 Euro bar auf die Hand verdient. Manchmal zahlen ihm die Auftraggeber auch gar keinen Lohn, weil sie pleite sind oder einfach, weil sie mit diesen Methoden durchkommen. Karol macht trotzdem weiter. Seit zwölf Jahren führt er so ein Leben. Wenn es gut läuft, bekommt er hier immer noch das Zehnfache von dem, was seine Frau im Polen verdient, meint Karol. Die Welt dreht sich, die Bagger heben neue Baugruben aus, der Bedarf ist da und am Ende ist Karol ein gutes Modell dafür, wie die Globalisierung dafür sorgt, dass irgendwo in einem kleinen Ort in den Masuren ein neues Fertighaus und ein polierter Mercedes stehen.

Im weltumspannenden Netz des Kapitalismus hat auch Lutz Büchler noch eine Lücke gefunden. Die Pension schreibt wieder Gewinne. Aber nur, weil er vor einem Jahr einen neuen Einfall hatte. 5,2 Millionen Arbeitslose mögen für Deutschland eine Bedrohung sein, für Büchler sind sie eine weitere Einkommensquelle geworden.
Seit Frühjahr wohnen in der Paul-Gesche-Straße neben 270 Bauarbeitern rund 80 Hartz-IV-Empfänger. Sie haben keine Wohnung mehr, weil sie die Miete nicht gezahlt haben. Weil die Frau sie rausgeschmissen hat - so wie bei Michael, der ebenfalls in der Eingangshalle sitzt, alleine vor einer Schüssel Chicken Wings. Oder weil die Umstände sich einfach in die verkehrte Richtung bewegt haben, wie bei Angie und Fritz. Die 180 Euro, die das Zimmer im Monat bei Büchler kostet, zahlt die Arbeitsagentur.

Lutz Büchler lehnt sich zurück. Er will nichts Schlechtes über seine neue Kundschaft sagen. Man kann ihm nichts vorwerfen: Zwei Hartz-IV-Empfängern hat er eine Wohnung verschafft; Mike, einen ehemaligen Mieter, hat er sogar als Hausmeister angestellt. Büchler ist kein Sozialarbeiter, "aber irgendwo fühlt man sich verantwortlich", nuschelt er und guckt weg.

Wer jeden Tag hier an der Rezeption sitzt, macht allerdings so seine Beobachtungen. Büchler schweigt. Dann wagt er sich vor. Bei den Hartz-IV-Empfängern seien neunzig Prozent dabei, "die sich wirklich Mühe geben". Diese neunzig Prozent gingen morgens nach draußen, sie suchten eine Arbeit oder plagten sich mit den Behörden ab.

Die restlichen zehn Prozent sind die angeschlagenen Typen. Büchler ereifert sich, er hat ja jeden Tag vor Augen, wie es läuft: "Da fangen die Tage mit einem Bier an, dem viele weitere Biere folgen", sagt er. Und dass gerade in diesem Moment im Hintergrund wieder Flaschen scheppern, unterstreicht die Stimmung in der Pension, die schwankt zwischen ausgelassener Heiterkeit und resignierter Annahme des Schicksals.
Der Abend schreitet voran und irgendwann zeigt Angie die Waschmaschinen. Die Waschmaschinen sichern ihr einen Nebenverdienst. Einmal Wäsche waschen bei Angie kostet 2,50 Euro. Sie läuft schlackernden Schritts den gelben PVC-Boden entlang, sperrt eine Tür auf und deutet mit dem Finger auf eine alte Waschmaschine, die verloren in einem leeren Raum steht. Dann trippelt sie das Treppenhaus hoch, hinten im Gang schläft ein junger Mann auf dem Boden, Angie öffnet eine Tür zu einem Waschraum. Dort steht die andere Maschine. Sie zeigt auf das Gerät. "Ich mach' die Wäsche", krächzt sie, "warum sollte ich was andres tun? Wir fühlen uns hier einfach wohl."

Zurück in der Halle hört man den Alkohol schon. "Wenn jemand mir einen Job gibt für 1.600 Euro netto. Dann würde ich arbeiten", grölt Fritz den Hunden zu. Hinter ihm steht die Tür zum Fernsehzimmer offen. Im Fernseher läuft irgendeine Serie. Niemand guckt zu. Draußen ist Nieselregen, der Eingang zur Pension ist beleuchtet.

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"Viele der Hartz-IV-Empfänger, die bei mir gelandet sind, strengen sich an und schaffen es, hier wieder rauszukommen."
Lutz Büchler, Pensions-Betreiber

02.12.2005 Berliner Zeitung, Kirsten Küppers


Journalistin & Autorin